Montag, 28. Dezember 2015

Sieben Jahre nicht-monogam: ein Fazit

Etwa sieben Jahre sind vergangen, seit ich mich dazu entschloss, ein nicht-monogames Leben auszuprobieren. Warum nicht-monogam und nicht polyamor? Ganz einfach: Nicht alles, was nicht monogam ist, ist polyamor. Die Grenzen zwischen monoamor-offenen und polyamoren Beziehungen sind fließend, ebenso wie die Grenzen zwischen Promiskuität und Polyamory (für Erläuterungen zu den Begriffen bitte die entsprechenden Artikel lesen). Sieben Jahre sind eine gute Zeitspanne, um ein Zwischenfazit zu ziehen. Schließlich ist sieben (in Ziffern: 7) eine besondere Zahl: Sieben Tage um die Welt zu erschaffen, sieben Zwerge, sieben Geißlein, sieben Palantíri, sieben Horkruxe,... . Blödsinn, mir war einfach danach, mal wieder was zu schreiben. Der letzte Artikel ist nun auch schon zwei Jahre her. Zwei, ihr wisst schon: Die zwei Türme, die Regel der Zwei,... . Okay, lassen wir das.

Vor sieben Jahren...

...konnte ich von einem erfüllten Liebes- und Sexleben nur träumen. Ich hatte seit meiner letzten - monogamen - Beziehung eine Flaute von anderdreiviertel Jahren, in dieser Zeit (also während der Flaute, nicht während der Beziehung) hatte ich ungefähr ein Mal Sex und die ein oder andere Knutscherei. Dabei war es keineswegs so, dass ich keine Frauen kennen lernte. Ich hatte nur die blöde Angewohnheit, es zu vermasseln sobald es irgendwie "ernst" wurde. Ich war schon relativ resigniert, als ich durch Zufall auf Alternativkonzepte stieß. Mehr noch, mir wurde bewusst, dass die Ursache für meine Flaute eine Mischung aus Unsicherheit und falschen Vorstellungen (oder nicht vorhandenen Vorstellungen) war, wie der Hase läuft. Freilich war ich skeptisch, was offene und polyamore Beziehungen anging, aber es klang alles in sich logisch und so dachte ich mir, ich probiere es einfach mal aus. Wenn sich herausstellen sollte, dass es für mich nicht funktioniert, konnte ich ja immer noch zurück zur Monogamie, die nicht funktioniert.

Die "wilde Phase"

Es funktionierte - und wie! Innerhalb kurzer Zeit hatte ich mehrere Affären am Laufen, die allerdings nie sehr lange hielten. Ich experimentierte, ich wollte wissen, was tatsächlich alles ging. Manche Erinnerungen zaubern mir immer noch ein dreckiges Grinsen auf's Gesicht, bei anderen denke ich mir, das hätte vielleicht nicht sein müssen.
Ich überwand die berühmte "Ansprechangst" und quatschte zwei blonde Schönheiten im Schwimmbad an, die nur dasaßen und den Leuten beim schwimmen zuschauten ("Glaubt ihr, ihr werdet schon vom Zuschauen fit?"). Eine Weile später saßen wir im Whirlpool, ich in der Mitte, beide schmiegten sich leicht an mich. Leider wurde nicht mehr daraus. Ich lernte Frauen im Internet kennen, eine kam sogar aus Nordrhein-Westfalen nach Stuttgart, um sich mit mir zu treffen. Sex beim ersten Date innerhalb weniger Stunden war keine Seltenheit. Beim Feiern in der Rofa geschah es mehrere Male, dass eine Frau mich küsste, bevor wir auch nur ein einziges Wort gewechselt hatten. Dreier, Vierer, Swingerparty, Sex im Freien,... .

Fast vier Jahre lang verwöhnt

Im Sommer 2009 kam ich mit Eva zusammen (meine wilde Phase war damit natürlich noch lange nicht vorbei). Wir waren uns recht schnell darüber im Klaren, dass wir dieselben Moralvorstellungen hatten - nämlich keine. Die Beziehung war unglaublich entspannt und doch gefühlsintensiv im positiven Sinne. Ernsthaften Streit hatten wir kaum. Sachliche Meinungsverschiedenheiten diskutierten wir aus, ansonsten fanden wir immer schnell einen "Deal", der für uns beide okay war. Unsere Nebenaffären und Romanzen schadeten der Beziehung nicht, im Gegenteil: Es war sehr interessant und witzig, wenn sie eine meiner Mädls oder ich einen ihrer Lover kennen lernte. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass sie wirklich wütend auf mich war, nämlich als ich unter der Woche mit einer Frau, die ich in der Rofa aufgegabet hatte, in Evas Wohnzimmer so lauten Sex hatte, dass Eva davon aufgewacht ist. (Gegen den Sex hatte sie nichts, aber gegen das Wecken.) Eine ehrliche Entschuldigung und ein Cocktail tags darauf und die Sache war erledigt. Doch irgendwann war die Luft raus. Wir trafen uns eigentlich nur noch, um eine Serie zu schauen, zu essen, und das war's dann. Nicht falsch verstehen: Wir hatten immer noch Sex, nur eben nicht mehr miteinander. Also entschlossen wir uns eines Tages nach einem dreistündigen Gespräch (das für ein Trennungsgespräch ungewöhnlich humorvoll war) schweren Herzens, die Beziehung aufzulösen.

Kompromisse, Zugeständnisse und damit - Probleme

Die darauf folgenden Beziehungen verliefen wesentlich komplizierter. Auch wenn ich mir dessen rational natürlich bewusst war, machte ich nun zum ersten Mal die Erfahrung, dass auch offene oder polyamore Beziehungen nicht immer rosig sind. Die Beziehungen lassen sich alle in etwa so zusammen fassen: Anfängliche Skepsis und Unsicherheit bei der jeweiligen Partnerin, temporäre Zugeständnisse und Rücksichtnahme meinerseits (freiwillig, nicht auf Druck der Partnerin), daraus entwickelte sich über ein paar Zwischenstationen ziemlich doofe Konflikte (an denen ich teilweise auch nicht ganz unschuldig war) und die Sache nahm ihnen natürlichen und unerfreulichen Verlauf. Was nicht heißen soll, dass die Beziehungen nicht schön oder erfüllend gewesen wären: Swingerpartybesuch, Wochenenden zu dritt, Wandern im Winter mit anschließendem Vergnügen in der Jugendherberge, Sommerurlaub in Kroatien,... . Sie waren jedoch von Beginn an zum Scheitern verurteilt - auch wenn man sich in Phasen starker Verliebtheit nicht eingestehen will und hofft, es irgendwie hinbiegen zu können. Klappt meistens nicht.

Und nun?

Nach drei auf diese Weise verkorksten offenen Beziehungen überlegte ich mir tatsächlich eine kurze Zeit, ob ich nicht mal wieder die Monogamie ausprobieren sollte - und sei es nur, um festzustellen, dass es immer noch nichts für mich ist. Im Laufe der letzten zwei Jahre klang auch die "wilde Phase" nach und nach aus. Statt wie früher die Herausforderung zu suchen, chillte ich lieber und wenn sich was ergab, ergab es sich und wenn nicht, dann eben nicht. Das Jahr 2015, das sich nun zu Ende neigt, war ein verhältnismäßig eher braves Jahr. Aber wirklich? Monogamie ausprobieren gegen die eigene Überzeugung? Entstanden doch die Probleme in den letzten Beziehungen meist direkt oder indirekt aus Zugeständnissen und Kompromissen, während die kompromisslose Radikalität mit der ich zuvor vorgegangen war, zu entspannten Verhältnissen geführt hatte. Monogam zu werden, das wäre das größte denkbare Zugeständnis. Aus bisherigen Fehlern zu lernen, indem ich einen noch größeren Fehler begehe, erscheint mir wenig sinnvoll.

Zwei Dinge habe ich definitiv gelernt: 1. Offene und polyamore Beziehungen sind nicht für jede Person geeignet. 2. Kompromisse in grundlegenden Fragen schaden der Beziehung eher als dass die nützen und lohnen sich daher nicht.

Netterweise stellt sich die Frage momentan praktisch nicht. Ich habe derzeit (Ende 2015) mehrere Verhältnisse am Laufen, die ich alle am ehesten noch in die Kategorie "Freundschaft Plus" einordnen würde. Aus keinem davon wird sich eine Beziehung welcher Art auch immer entwickeln. Doch eines Tages wird es mich wieder voll erwischen und je nach Moralvorstellungen und Bedürfnissen der betreffenden Person wird die Frage auf den Tisch kommen - und ich bin mir sicher, die Antwort jetzt schon zu kennen.

1 Kommentar:

  1. Hallo,
    ich (Mann) bin ein treuer "Follower" Ihres Blogs. Den neuen Blog-Eintag habe ich allerdings erst jetzt entdeckt. Immer wieder interessant von Ihren Erfahrungen zu lesen. Meine Frau und ich haben vor 10 Jahren mit einer "offenen Ehe" den ersten Schritt gemacht. Es war ein langer Prozess bis wir auch polyamore Erfahrungen, damit wurde es nochmal eine Spur interessanter aber auch definitiv komplizierter. Alles in Allem haben wir aber fast nur gute Erfahrungen gesammelt und wir sind weiterhin sehr überzeugt von unserem Modell. Vielleicht können wir uns mal austauschen. Auf jeden Fall freue ich mich auf weitere Erfahrungsberichte...Gruss aus OWL

    AntwortenLöschen